Organisationen gestalten, die mit KI Schritt halten

Warum die organisatorische Reaktionszeit das größte Hindernis dafür ist, den Nutzen von KI vollständig auszuschöpfen.

Zusammenfassung

  • Produktivitätsgewinne haben nur begrenzten Wert, wenn die Arbeit weiterhin dieselben Gremien, Freigaben, Übergaben und funktionalen Silos durchläuft. Zunehmend wird die organisatorische Reaktionszeit zum Engpass: Wie lange braucht eine Organisation, um Entscheidungen zu treffen, Prozesse zu ändern und neue Fähigkeiten in Geschäftsergebnisse zu überführen?

  • Arbeit, die früher mehrere Fachleute, Abteilungen oder Wochen erforderte, lässt sich nun erheblich schneller erledigen. Das verändert die Zusammenarbeit in Teams, die Entscheidungsfindung und den Bedarf an Fachwissen.

  • Den vollen Nutzen erzielen Organisationen, wenn sie ihre Strukturen grundlegend verändern. Dazu müssen sie Arbeitsabläufe, Governance, Anreize, Wissensflüsse und Entscheidungsstrukturen neu denken, damit sich KI-bedingte Produktivitätsgewinne im gesamten Unternehmen verstärken.

  • KI-native Organisationen brauchen sowohl ein stabiles Rückgrat als auch anpassungsfähige Bereiche. Zugleich müssen sie besonders wertvolle menschliche Fähigkeiten für Beurteilungen und die Koordination von Maßnahmen nutzen.


Auf LinkedIn, Substack und anderen Plattformen heißt es häufig: „Ich sehe keinen ROI bei KI.“ Mit zunehmender substanzieller Nutzung zeigt sich jedoch ein deutlicher ROI bei KI-Lösungen und bei Standardwerkzeugen wie ChatGPT, Codex und Claude. Der Einwand ist dennoch nachvollziehbar. Erhebliche individuelle Produktivitätsgewinne sind zwar möglich, bleiben aber begrenzt, wenn die Arbeitsabläufe einer Organisation unverändert bleiben. Deine Organisationsstruktur muss sich weiterentwickeln.

Eine Organisation lässt sich jedoch leider nicht zukunftssicher machen, schon gar nicht angesichts der rasanten Entwicklung der KI. Niemand kann mit Sicherheit sagen, wie eine KI-optimierte Bank, eine Versicherung, ein Einzelhändler, ein Energie- oder ein Beratungsunternehmen in drei Jahren aussehen sollte. Technologie, wirtschaftliche Rahmenbedingungen und Arbeitsmuster verändern sich zu schnell. Anpassungsfähigkeit wird daher zu einem der entscheidenden Vorteile des nächsten Jahrzehnts.

Wenn künstliche Intelligenz auf Fachwissenniveau sofort verfügbar ist und KI-Agenten stundenlang autonom arbeiten können, muss davon ausgegangen werden, dass sich die Arbeitsweise ändern wird und sollte. Daraus folgt, dass sich auch dein Betriebsmodell ändern muss, damit du von der Technologie profitierst. Am meisten profitieren dürften Organisationen, die bereit sind, sich besonders schnell an neue Arbeitsmuster und neu entstehende Anwendungen dieser Technologie anzupassen.

Von sofort verfügbarer Fachintelligenz ausgehen, die autonome Agenten nutzen

Die Auswirkungen von KI auf Organisationen lassen sich am einfachsten anhand einer grundlegenden Annahme verstehen. Nehmen wir an, dass künstliche Intelligenz auf Fachwissenniveau allen Menschen in der Organisation sofort zur Verfügung steht. Vor zwei Jahren war das noch schwer vorstellbar, inzwischen ist es weitgehend Realität. Auch wenn sie noch nicht perfekt ist, erscheint die Annahme vernünftig, dass sie in naher Zukunft fast perfekt sein wird.

Hinzu kommt eine zweite Annahme. Nehmen wir an, dass autonome Agenten stunden-, tage- und schließlich wochenlang zusammenarbeiten können, um umfangreiche Arbeitspakete zu erledigen. Nicht nur eine oder wenige Aufgaben, sondern eine umfangreiche Abfolge von Arbeiten über mehrere Fachgebiete hinweg. Ein funktionsübergreifendes Team, abgebildet durch ein Team von Agenten, das den Arbeitsablauf selbstständig ermitteln kann.

Wenn beide Annahmen auch nur in der Tendenz stimmen, wird und muss sich die Arbeitsweise ändern. Die Bearbeitungszeit sinkt, die interne Zusammenarbeit entwickelt sich weiter und das Tempo der Veränderung steigt.

Veränderungen in diesem Tempo begünstigen Dezentralisierung, Autonomie und Innovation. Die meisten großen Organisationen beruhen jedoch auf dem gegenteiligen Prinzip.

Die meisten Organisationen sind darauf ausgelegt, Veränderungen zu verlangsamen

Große Unternehmen bündeln Macht in funktional gegliederten Abteilungen. Sie trennen Strategie, Technologie, Daten, Risiko, Betrieb, Finanzen, Personalwesen und Fachbereiche in verschiedene Strukturen mit jeweils eigenen Prioritäten, Anreizen und vor allem Kontrollen.

Investitions- und Lenkungsausschüsse, Architekturgremien, Risikoprüfungen, Compliance-Freigaben, Beschaffungsprozesse, jährliche Planungszyklen und Business Cases steuern Veränderungen. Manche Change-Management-Teams vermitteln zusätzlich Informationen zwischen Beteiligten, ohne einen Mehrwert zu schaffen.

Auch das ist nicht irrational, denn diese Mechanismen bestehen aus guten Gründen. Sie steuern Risiken, verteilen Kapital, vermeiden Doppelarbeit, schützen Kund:innen und schaffen Verantwortlichkeit. Zugleich bestimmen sie aber auch das Tempo. Dieses Tempo dürfte für eine Welt zu langsam sein, in der KI-native Wettbewerber Arbeit wesentlich schneller testen, auswerten und neu gestalten können.

Flussdiagramm mit dem Titel „Zentralisierter Ansatz: ein langsamer, mehrstufiger Prozess“. Es zeigt einen Anwendungsfall, der Investitions-, Lenkungs-, Architektur-, Risiko-, Compliance-, Beschaffungs-, Planungs- und Freigabestufen durchläuft, bevor eine langsamere, kontrollierte Änderung erfolgt.

Auch das kulturelle Signal ist wichtig. In vielen Organisationen belohnen Anreize weiterhin das Verharren innerhalb funktionaler Grenzen, ganz gleich, wie oft eine Führungskraft sagt: „Du darfst eigenständig entscheiden.“ Warum? Zum Schutz des Teams, des Budget, um die Roadmap zu schützen und publik werdende Fehlschläge zu vermeiden und schwierige Entscheidungen an ein Gremium weiterzuleiten und nicht zu weit vom genehmigten Prozess abzuweichen.

Dieser zentralisierte Ansatz ist sinnvoll, wenn Experimente teuer sind und gelegentliche Veränderungen eine schrittweise Entwicklung statt eines grundlegenden Wandels darstellen. Problematisch wird er, wenn sich die Fähigkeiten alle paar Monate erheblich verbessern und die besten Chancen von Teams erkannt werden, die nah an der eigentlichen Arbeit sind.

Wer auf KI mit herkömmlicher Zentralisierung reagiert, erzeugt Verzögerungen, die einen nennenswerten ROI verhindern. Wenn jede Änderung mehrere Gremien durchlaufen muss, bevor sie die eigentliche Arbeit erreicht, lernt die Organisation zu langsam.

Für Menschen, die sich weiterentwickeln und schneller vorankommen möchten, macht die Begrenzung von Möglichkeiten zur KI-Nutzung deine Organisation als Arbeitsplatz weniger attraktiv.

Individuelle KI-Kompetenz -> KI-Kompetenz im Team -> KI-native Organisation

Die meisten Organisationen beginnen mit individueller KI-Kompetenz. Das ist der richtige Ausgangspunkt. Menschen müssen wissen, wie sie KI anweisen und hinterfragen, ihre Arbeit prüfen, sensible Informationen schützen und wann sie KI nicht einsetzen sollten. Sie brauchen Sicherheit, Urteilsvermögen und praktische Erfahrung.

Individuelle Kompetenz stößt jedoch an Grenzen. Eine Person kann fünfmal so viele Analysen erstellen, doch das Entscheidungsgremium tagt weiterhin nur monatlich. Eine Person in der Softwareentwicklung kann mehr Code erzeugen, doch der Prüf- und Freigabeprozess bleibt unverändert. Eine Person im Marketing kann mehr Inhalte erstellen, doch die Markenfreigabe bleibt in derselben Warteschlange.

Selbst auf Teamebene führt ein veränderter Arbeitsablauf nicht zwangsläufig zu höherem Tempo, wenn andere Teile der Organisation weiterhin wie bisher arbeiten.

Einzelne Menschen arbeiten also schneller und möglicherweise auch das Team. Die Ausgabegeschwindigkeit wird jedoch letztlich durch andere Teile des durchgängigen Ablaufs in der Organisation begrenzt. Deshalb muss sich die KI-Entwicklung von individueller Kompetenz über Teamkompetenz bis hin zur Kompetenz der gesamten Organisation erstrecken.

Wenn das Unternehmen seine Strukturen, Anreize, Governance, Wissensflüsse und Technologiemuster verändern kann, werden lokale Fortschritte einzelner Menschen und Teams zu unternehmensweitem Wert.

Das ist eine schwierige Aufgabe, bietet aber auch die Chance, Potenziale zu erschließen. KI-native Unternehmen, die in den letzten Jahren nach der Veröffentlichung von ChatGPT entstanden sind, haben KI bereits in ihre Arbeitsabläufe integriert. Sie bleiben beweglich und arbeiten mit flachen Strukturen. Größere Unternehmen haben KI dagegen in bestehende Prozesse eingefügt. Das erzeugt einen Flickenteppich und verändert nicht, wie die Arbeit erledigt wird.

Ein stabiles Rückgrat und anpassungsfähige Bereiche: Was KI-nativ bedeutet

KI-nativ bedeutet nicht chaotisch, leichtsinnig oder auf Werkzeuge fixiert. Es bedeutet nicht, dass alle Beschäftigten das neueste Modell beliebig einsetzen. Und es bedeutet keinesfalls, Governance durch Begeisterung zu ersetzen oder so zu tun, als würden Menschen nicht mehr gebraucht.

Das alte Modell der Organisationsgestaltung geht davon aus, dass ein Zielzustand definiert, die Struktur entworfen, die Veränderung umgesetzt und anschließend stabilisiert werden kann. Das ist für KI zu langsam.

KI-native Organisationen werden für kontinuierliche Veränderungen konzipiert. Eine KI-native Organisation gestaltet ihre Arbeit kontinuierlich anhand der kombinierten Stärken von Menschen, KI-Systemen, Daten, Arbeitsabläufen und Governance neu. Sie setzt nicht alles auf einen einzigen Bauplan. Sie baut die Fähigkeit auf, schnell zu erkennen, welche Arbeitsabläufe sich ändern sollten, welche Rollen sich weiterentwickeln müssen, welche Kontrollen nötig sind, welche Kompetenzen wichtiger werden, welche Muster wiederverwendbar und welche Annahmen bereits überholt sind.

Dafür braucht es gleichzeitig zwei Dinge: ein stabiles Rückgrat und anpassungsfähige Bereiche darum herum. So entsteht ein Gleichgewicht zwischen Zentralisierung und der Befähigung von Teams, die nah an der eigentlichen Arbeit sind.

Das stabile Rückgrat schafft Vertrauen und Skalierbarkeit für die Organisation. Das gesamte Unternehmen hat Zugang zu genehmigten Werkzeugen, wiederverwendbaren Mustern, Datenzugangswegen, Bewertungsmethoden, Sicherheitskontrollen, Governance-Grundsätzen, Monitoring, Wissensinfrastruktur und klaren Zuständigkeiten.

In den anpassungsfähigen Bereichen findet die Arbeit statt und verändert sich häufig und reibungslos. Kleine, funktionsübergreifende Teams, die nah am Problem arbeiten, haben genug Befugnisse, um Arbeitsabläufe neu zu gestalten, KI einzusetzen, neue Arbeitsweisen zu testen und Erkenntnisse in die Organisation zurückzuführen.

Dieses Gleichgewicht zwischen Kern und den einzelnen Bereichen ist wichtig. Bei zu viel zentraler Kontrolle lernt die Organisation zu langsam. Bei zu viel lokaler Freiheit zerfällt die Organisation in Einzelteile. Eine KI-native Organisation braucht Disziplin im Kern und Anpassungsfähigkeit in den Bereichen darum herum.

Entscheidungen bei Unklarheit: Wie sich der Wert menschlicher Fähigkeiten verändert

Der vorschnelle Schluss aus der Automatisierung von Arbeit lautet, dass KI den Bedarf an Menschen verringert. In einigen Bereichen wird das so sein, etwa bei repetitiver Wissensarbeit mit wenig Kontext, die verkürzt wird oder entfällt. Unter Druck geraten vor allem transaktionale Tätigkeiten: Lücken in Systemen überbrücken, Informationen weitergeben, erste Analysen und Entwürfe erstellen sowie Antworten mit begrenztem „Mehrwert“ liefern.

Umgekehrt betrachtet wird der menschliche „Beitrag“ allerdings anspruchsvoller: Wenn künstliche Intelligenz sofort Fachwissen liefert, werden jene knappen menschlichen Qualitäten wichtiger, die KI weder ersetzen kann noch sollte: Urteilsvermögen, Kreativität, Verantwortung, Kontextverständnis und Vertrauen.

Organisationen sollten sich zunehmend auf Menschen konzentrieren, die in unklaren Situationen Entscheidungen treffen können. Menschen, die das Fachgebiet gründlich genug verstehen, um KI zu steuern und Fehler zu erkennen. Menschen, die bessere Fragen stellen können. Menschen, die wirtschaftliche, technische, operative und menschliche Realitäten miteinander verbinden können. Menschen, die Beziehungen aufbauen, Vertrauen schaffen und viele Beteiligte koordinieren können. Besonders wichtig wird zudem die Fähigkeit, schnell zwischen Kontexten zu wechseln und Informationen rasch und korrekt auszulegen, wenn die Arbeit einer ganzen Woche auf den Montagvormittag verdichtet wird.

Generalist:innen werden also wertvoller, nicht weniger wertvoll, sofern sie funktionsübergreifend den Kontext erfassen und KI-gestützte Arbeit koordinieren können. Auch Spezialist:innen können wertvoller werden, weil schnelleres Arbeiten mehr Situationen schafft, in denen Qualität und Urteilsvermögen zählen. Und Führungskräfte müssen weniger Tätigkeiten kontrollieren und stärker Systeme, Kontext und Tempo gestalten.

Es sollte nicht nur in „KI-Kompetenzen“ investiert werden. Entscheidend sind menschliche Eigenschaften, die wichtiger werden, wenn KI mehr grundlegende Aufgaben übernimmt: Neugier, Urteilsvermögen, Resilienz, Klarheit, Kreativität, Entschlusskraft, Zusammenarbeit und ein sicherer Umgang mit Unklarheit. Die Organisation sollte Menschen mit diesen Eigenschaften schon heute einstellen, fördern und belohnen.

So viel Arbeit zu verdichten ist anstrengend, und KI-native Organisationen können nicht ständig mit Höchstgeschwindigkeit arbeiten. Sie müssen Menschen Freiräume und Puffer geben, damit sie sich erholen und wieder miteinander in Verbindung treten können. Damit Menschen wirksam urteilen und entscheiden können, sollten Organisationen Umgebungen fördern, in denen Spürsinn und Freiräume zu neuartigen Ideen führen können.

Der Wendepunkt rückt näher

Viele Unternehmen nutzen KI heute nur zögerlich für das, was bereits möglich ist. Dadurch wächst die Lücke zwischen den Fortschritten bei agentischen Fähigkeiten und ihrer tatsächlichen Nutzung.

Das ist normal. Große Organisationen übernehmen Technologien nur langsam. Gründe sind Altsysteme, regulatorische Vorgaben, kultureller Widerstand, fragmentierte Daten, unklare Zuständigkeiten und reale Risiken, die bewältigt werden müssen.

Irgendwann werden jedoch genügend Führungskräfte, Teams und Wettbewerber herausfinden, wie sie KI sicher und wiederholt in realen Arbeitsabläufen einsetzen können. Muster werden ausgereifter, Governance wird fester verankert, Agenten werden zuverlässiger und das Vertrauen der Organisationen wächst. Die Lücke zwischen den Möglichkeiten der KI und ihrer tatsächlichen Nutzung in Unternehmen wird sich allmählich schließen.

Wenn dieser Wendepunkt erreicht ist, werden nicht die Unternehmen mit den besten Modellen oder den größten KI-Budgets im Vorteil sein, sondern Organisationen, die ihre Arbeitsweise zügig verändern können.

Unternehmen, die jede Entscheidung zentralisieren, jeden Funktionsbereich abschirmen, über langsame Gremien steuern und Menschen dafür belohnen, „keine Unruhe zu stiften“, werden kaum Schritt halten können.

Unternehmen mit einem stabilen Rückgrat und anpassungsfähigen Bereichen darum herum werden schneller lernen. Sie werden bessere Arbeitsabläufe früher erkennen, eine ausgewogene Mischung aus Generalist:innen, Fachleuten und Führungskräften für höherwertige Arbeit einsetzen und lokale Experimente in wiederverwendbare Muster überführen.

Worauf Führungskräfte achten sollten

Die aktuelle Frage mag lauten: „Wie führen wir KI erfolgreich ein?“ Bald muss sie jedoch heißen: „Wie schnell kann sich unsere Organisation anpassen, wenn KI die Arbeit verändert?“

Eine langsame Organisation mit leistungsfähiger KI bleibt langsam. Eine anpassungsfähige Organisation mit leistungsfähiger KI verstärkt dagegen ihre Fortschritte.

Autoren

Dave Pit und Sam Netherwood